Viele Plätze aber kein Zentrum

Während Napoleon nach seiner Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 ins Schloss Charlottenburg einzog, lagerten seine Truppen am damals noch spärlich bebauten Westend (entlang der heutigen Königin-Elisabeth-Straße). Danach dauerte es noch einige Zeit bis aus der sandigen Hochebene vor den Toren Berlins ein eigenständiger Ortsteil im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wurde. Ursprünglich war Westend als reine Villenkolonie geplant. Heute leben neben einigen prominenten Persönlichkeiten etwas mehr als 40 000 Einwohner im Ortsteil.

 

Wir beginnen unseren Rundgang am S-Bahnhof Heerstraße und folgen auf der gegenüberliegenden Seite der Sensburger Allee und stehen schon bald vor dem Georg-Kolbe Museum. Die Geschichte des Museums beginnt 1947 mit dem Tod des Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947), der in den 20er Jahren berühmt wurde. Sein Bildhaueratelier wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um sein künstlerisches Erbe fortzuführen. Wer nicht in das Museum hineingehen möchte, hat nebenan im Georg-Kolbe-Hain die Möglichkeit, einige seiner Skulpturen zu bewundern.

 

Wir folgen weiter der Sensburger Allee und biegen an der Heilsberger Allee rechts ab. An der Trakehner Allee lohnt es sich, dem Friedhof Heerstraße einen Besuch abzustatten. Zahlreiche Persönlichkeiten wie Vicco von Bülow (1923-2011), alias Loriot, Grethe Weiser (1903-1970, Tilla Durieux (1880-1971), Horst Buchholz (1933-2003), Curt Goetz (1888-1960), Wolfgang Gruner (1926-2002) und Klaus Jürgen Wussow (1929-2007) fanden hier ihre letzte Ruhe. Zu den sehenswertesten Gräbern auf dem Friedhof gehört die Familiengrabstätte von Georg Kolbe, die er selbst entwarf.

 

Am Olympischen Platz vorbei mit einem imposanten Blick auf das Stadion, biegen wir rechts ab auf die Olympische Straße. Hinter der Olympiabrücke geht es links ab in die Westendallee, der wir bis zum Brixplatz folgen. Der Platz ist eigentlich ein Park, der noch vor 1909 eine Kiesgrube war. Der Park wurde angelegt, als das neue Wohnviertel Neu-Westend entstand. Der Teich mit seinen Sumpfbereich dient als Biotop für die Tier- und Pflanzenwelt. An der Ostseite wurde eine Felsformation der Rüdersdorfer Kalkfelsen nachgebildet. Interessant ist auch der Schulgarten mit seinen vielfältigen Kräutern. Aufgrund der attraktiven Lage zogen viele Prominente in die Mietshäuser, vor allem an der Südseite des Parks. So lernte dort der Boxer Max Schmeling seine im Nachbarhaus wohnende spätere Frau, die Schauspielerin Anny Ondra kennen.

Wir verlassen den Park an der Reichstraße, die zwischen dem Steubenplatz und dem Theodor-Heuss-Platz das Zentrum von Westend darstellt, aber eigentlich kein Zentrum ist. Am Steubenplatz, benannt nach General Friedrich Wilhelm Graf von Steuben (1730-1794), steht auf der Mittelinsel des Platzes seit 1961 die Freiplastik „Der Sieger“, 1902 von Bildhauer Louis Tuaillon geschaffen. Dort biegen wir links ab in die Bolivenallee und folgen rechts der Eichenalle bis zum Branitzer Platz. Über die Kastanienallee, Platanenallee und Eschenallee erreichen wir wieder die Reichsstraße, die wir überqueren, um auf der Länderallee weiterzubummeln. Am Fürstenplatz halten wir uns links und spazieren die Bayernallee entlang bis zur Heerstraße. Dort noch einmal links und wir stehen nach wenigen Metern am Theodor-Heuss-Platz. Der Platz wurde von 1904 bis 1908 im Rahmen der Bebauung Neu-Westends als Schmuckplatz angelegt und erhielt den Namen Reichskanzlerplatz. Im April 1933 wurde der Platz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Bei den Planungen Hitlers und seines Baumeisters Albert Speer, Berlin in eine „Welthauptstadt Germania“ umzuwandeln, war der Platz als Westende der Ost-West-Achse vorgesehen. 1947 bekam er seinen ursprünglichen Namen Reichskanzlerplatz zurück. Nach dem Tod von Theodor Heuss, dem ersten deutschen Bundespräsidenten, erhielt der Platz 1963 seinen heutigen Namen.

Wer den Platz umrundet, wird auf markante Gebäude stoßen, wie das ehemalige Amerikahaus, das heute das Kabarett „Die Wühlmäuse“ beherbergt. Am Ostrand des Platzes steht seit 1970 das 18-geschossige Hochhaus des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), vormals Sender Freies Berlin (SFB). Auf dem Platz selbst brennt die „Ewige Flamme“, als Denkmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Seit 1995 steht in Sichtweite die Brunnenskulptur „Blauer Obelisk“ der Berliner Künstlerin Hella Santarossa. Am Theo, wie der Berliner den Platz nennt, kann die Tour durch Westend beendet werden. Wer noch nicht müde von der knapp sechs Kilometer langen Strecke geworden ist, hat noch die Möglichkeit, einen Abstecher zu einem weiteren Platz im Ortsteil zu machen. Über die Pommernallee gelangt man in wenigen Minuten zum Gartendenkmal Karolingerplatz, der im Sommer mit den Rosenbeeten seinen besonderen Charme versprüht. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

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