Von der preußischen Schwerindustrie zum „Kaninchenfeld“ – ein Spaziergang durch die Geschichte

Rund 1,7 Kilometer ist die Chausseestraße im Berliner Bezirk Mitte lang, die wir auf einem Stadtspaziergang von der Ecke Torstraße/Hannoversche Straße in Richtung Müllerstraße im Wedding erkunden wollen. In ihrem Verlauf befinden sich einige sehenswerte Bauten, von denen einige als denkmalgeschützt registriert sind.

Entlang dieser Straße entstand nach 1800 die preußische Schwerindustrie und Eisenbahnproduktion. Zeugnis davon ist die Hausnummer 1 an der Ecke mit dem 1888 im neobarocken Stil erbauten Wohn- und Geschäftshaus, an dessen Stelle sich zuvor der Kolonnadeneingang zur Maschinenbauanstalt von August Borsig befand, die dann später nach Tegel umsiedelte. Sehenswert ist auch das Borsighaus ein paar Meter weiter in Hausnummer 13, das als Zentralbüro errichtet wurde und heute unter Denkmalschutz steht. Etwas in die Jahre gekommen ist das Haus Nr. 131 an der Ecke Hannoversche Straße, in dem zu DDR-Zeiten Wolf Biermann zuhause war. Das Grundstück an der Chausseestraße 5 beherbergte bis 1929 den Klavierfabrikanten Adolf Knöchel (ein Schüler von Carl Bechstein), der dort Pianos herstellte. Möglicherweise stand eins dieser Pianos im Ballhaus Berlin in der Chausseestraße 102. In den 20-er Jahren des letzten Jahrhunderts existierten in der Chausseestraße zahlreiche Tanzpaläste. Das Ballhaus ist das einzige, das erhalten geblieben ist. Besonders bemerkenswert sind Elemente der ursprünglichen Ausstattung, wie die originalen Tischtelefone aus den 30-er Jahren und der Stuck an den Wänden.

Zuvor lohnt jedoch noch ein Abstecher auf den Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem bekannte Persönlichkeiten wie die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte, die Schriftsteller Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Arnold Zweig und Anna Seghers, die Baumeister Friedrich August Stüler und Karl Friedrich Schinkel, die Schauspielerin Helene Weigel und der Buchdrucker Ernst Theodor Litfaß begraben sind. Auch Alt-Bundespräsident Johannes Rau hat seit 2006 ein Ehrengrab auf dem Friedhof. Im Haus direkt neben dem Friedhofseingang (Chausseestraße 125) war der letzte Wohnort von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Bertolt Brecht lebte in seiner Wohnung in der ersten Etage des Seitenflügels von 1953 bis zu seinem Tode am 14. August 1956. Ihn hatten vor allem die Nähe zum Berliner Ensemble, zur Akademie und die historischen Friedhöfe nebenan bewogen, diese Wohnung zu beziehen. Die Räumlichkeiten kann man heute besichtigen, sie beherbergt auch seine Nachlassbibliothek mit ca. 4.000 Bänden.

Von hohen Mauern und Zäunen waren die Bewohner am Ende der Chausseestraße schon immer umgeben. Von 1961 bis 1990 trennte die Berliner Mauer ein etwa 280 Meter langes Stück der Straße nach Nordwesten ab. Sie verlief hier an der Südseite der Liesenstraße bis zum Grenz-Kontrollpunkt und folgte dann der westlichen Seite der Chausseestraße bis zur Boyenstraße, wo sie am nördlichen Bürgersteig in Richtung Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal weiter lief. Der streng kontrollierte und über die Jahre immer raffinierter ausgebaute Grenzübergang befand sich zwischen der Chausseestraße 94, der Liesenstraße und der Nordecke zur Wöhlertstraße. Heute blickt man in diesem Bereich auch wieder auf hohe Zäune und Überwachungskameras, denn der Bundesnachrichtendienst hat hier in Höhe Schwartzkopfstraße seine neue Bundeszentrale errichtet.

Die Grenzgeschichte der Chausseestraße hat aber auch eine liebenswerte Anekdote hervorgebracht. Die Berliner Kaninchen aus Ost und West kamen mühelos über einen unterirdischen Weg auf das Brachland im sogenannten Todesstreifen zwischen den Grenzanlagen und führten dort, in einem für Menschen durchaus gefährlichen Ort, ein völlig friedliches Leben. Kleine Messingplatten auf der Straße und auf den Gehwegen an der Ecke zur Liesenstraße erinnern an das „Kaninchenfeld“, das die Berliner Künstlerin Karla Sachse im Jahr 1999 als „Denkzeichen“ geschaffen hat. Von den ehemals 120 Motiven sind leider nur noch wenige Platten übriggeblieben, die achtlos von Autos und Radlern „überrollt“ und von Fußgängern getreten werden. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

 

Foto von oben nach unten:

1.Das denkmalgeschützte Haus Nummer 1.

2.Das Ballhaus Berlin.

3. Das Borsighaus.

4. Das Kaninchenfeld am ehemaligen Grenzübergang.

 

Nach oben