In Stolpe lebte der „Eiserne Gustav“

Der Kleine Wannsee, im Süden des Berliner Bezirks Steglitz-Zehlendorf im Ortsteil Wannsee, wird bei Berlinern und Berlin-Touristen neben seinem großen Bruder kaum wahrgenommen und auch deshalb nicht so stark besucht. Dabei liegt er zwischen dem Großen Wannsee und dem Pohlesee, der wiederum durch einen Kanal mit dem Stölpchensee verbunden ist, in einer landschaftlich reizvollen Gegend. Am Ufer stehen prachtvolle Villen mit eigenem Bootsanleger, die allerdings mit hohen Zäunen und Mauern abgesichert sind und bieten einige Ruderklubs auf ihren repräsentativen Anwesen auf stark begrünten Grundstücken sportliche Betätigung an.

 

Auf einer kleinen Wanderung wollen wir die Gegend ein wenig näher erkunden und starten deshalb unsere Runde am S-Bahnhof Wannsee. Wir gehen hinunter zu den Anlegestellen der Ausflugsschiffe und halten und uns auf der Ronnebypromenade links. Wenn wir die Wannseebrücke unterquert haben, stehen wir an der östlichen Spitze des Kleinen Wannsees. Wir folgen dem Uferweg und erreichen kurze Zeit später die Bismarckstraße. Wir gehen dem Hinweisschild zum Kleist-Grab nach und stehen schon bald am Grab des Dramatikers und Lyrikers Heinrich von Kleist, der hier mit seiner Freundin Henriette Vogel begraben liegt, nachdem sie den gemeinsamen Freitod gewählt hatten.

 

Am Ende der Bismarckstraße betreten wir den Düppeler Forst und halten uns rechts, um an das Ufer zu gelangen. Hier beginnt der nicht zugebaute Teil des Kleinen Wannsees, der an seiner engsten Stelle in den Pohlesee übergeht. Hier beginnt aber auch ein Wanderweg, der nicht ausgebaut, sondern lediglich ausgetreten ist. Man muss schon ein wenig darauf achten, nicht an Wurzeln hängen zu bleiben oder in ein Erdloch zu treten. Und man könnte damit rechnen auf Biber zu stoßen, die hier am Ufer einen Bau angelegt haben. Hinter dem Pohlesee geht es noch ein Stück am Griebnitzkanal entlang und dann ist es mit der Stille in unberührter Natur schon fast wieder vorbei, auf der Alsenbrücke rollt schon wieder der Verkehr.

 

Hier im Wannsee-Ortsteil Stolpe geht es aber noch beschaulich zu. Der kleine Ort hat noch einen dörflichen Charakter. Im Zentrum am Wilhelmplatz steht die „Kirche am Stölpchensee“. Sie wurde 1858 vom Leiter des preußischen Hof- und Staatsbauwesens Friedrich August Stüler nach einer Idee von König Friedrich Wilhelm IV. erbaut. Inzwischen steht die Kirche mit dem markanten Viereckturm unter Denkmalschutz.                                                                  

Im alten Wannsee lebte aber noch ein Berliner, der es zu Weltruhm gebracht hat. Um ihn zu finden folgen wir der Chausseestraße und biegen rechts in die Alsenstraße ab. Ein Stück weiter an der Hausnummer 11 hängt eine Gedenktafel für den „Eisernen Gustav“ (Gustav Hartmann). Wie „Pinsel-Heinrich“ (Maler Heinrich Zille) und der „Hauptmann von Köpenick“ (Schumacher Friedrich Wilhelm Voigt) war auch der „Eiserne Gustav“ ein Berliner Original, aber kein Berliner: Gustav Hartmann stammte ursprünglich aus Magdeburg und hatte sich in Stolpe in der Alsenstraße mit einem Pferde-Fuhrunternehmen selbstständig gemacht. Er schrieb Geschichte, nachdem er sich für eine Aktion gegen den Niedergang des Droschkengewerbes und die steigende Zahl von Autos mit seiner Droschke und dem Wallach Grasmus am 2. April 1928 auf die 1000 Kilometer lange Reise nach Paris aufmachte. Nach 8 Wochen und zahlreichen begeisterten Empfängen in den durchreisenden Orten, kommt der „Weltenbummler“ am 4. Juni 1928 in Paris an. Doch in der Seine-Metropole interessierte sich die Öffentlichkeit jedoch nicht für ihn, sondern für Charles Lindbergh, der gerade seinen ersten Flug über den Atlantik beendet hatte.

Wir gehen die Alsenstraße ein Stück zurück und biegen rechts in die Charlottenstraße ein. Am Ende treffen wir wieder auf die Chausseestraße, der wir rechts folgen. Gegenüber dem Stadion Wannsee liegt ein weiterer Haltepunkt auf unserem Rundweg um den Kleinen Wannsee. Wir kehren ein bei „Mutter Fourage“. Einst wurden hier Saatgut und Futtermittel gehandelt, inzwischen hat sich der hundertjährige Fouragehof in der Chausseestr. 15 A zu einem mediterranen Ensemble entwickelt. Die alte Kulturscheune, die Galerie, eine Gärtnerei mit einheimischen Stauden und südlichen Gewächsen, das Hofcafé und der Naturkostladen prägen das Ambiente und laden zum Verweilen ein.

An der Königsstraße halten wir uns rechts und stehen unmittelbar vor dem ehemaligen Rathaus Wannsee. Der neogotische Bau ist heute denkmalgeschützt und beherbergt u.a. eine Jugendeinrichtung und eine Kita. Fast daneben steht die St. Michael Kirche im Stile des Expressionismus. Wir verlassen die vielbefahrene Königsstraße und biegen rechts in die Hohenzollernstraße und gleich wieder links in die Petzower Straße ein und genießen die himmlische Ruhe in dieser bevorzugten Wohngegend. Die Straße Am Kleinen Wannsee bringt uns, wenn wir uns links halten zum Hintereingang des Immanuel-Krankenhauses. Das Haus ist spezialisiert auf Rheumatologie, Osteologie, Orthopädie und Naturheilkunde. Gegenüber ist der Sitz der Holding der Immanuel Diakonie. U.a. sendet von dort der Berliner Radiosender „Paradiso“ sein Programm. Nun ist es nicht mehr weit und wir kommen wieder auf die Königsstraße, in die wir rechts einbiegen, die Wannseebrücke über-, statt wie am Anfang unterqueren, links auf den Kronprinzessinnenweg einbiegen und wenige Meter weiter wieder am S-Bahnhof stehen. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

Nach oben