Mit der Pferde-Tram durch die Reichenberger

Mit ihren zwei Kilometern zählt die Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg zu den längsten Straßen im Bezirk. Sie galt einst als typische Berliner Straße, ein Boulevard mit breiten Bürgersteigen, einem Theater und Straßencafés und kleinen Hinterhofwohnungen. Davon ist heute nur noch wenig zu sehen, obwohl inzwischen wieder ein Wandel eintritt, um das Image einer schmuddeligen Straße loszuwerden. Da die Reichenberger den Krieg einigermaßen schadlos überstand, flaniert man an zahlreichen historischen Häusern vorbei, die zum Teil auch schon wieder einen frischen Anstrich bekommen haben.

Um noch mehr über die Straße zu erfahren, muss man den Kopf senken und auf das Pflaster der Gehwege schauen. Zwischen Manteuffelstraße und Ohlauer Straße lassen sich Zeugen der Vergangenheit wiederfinden. Eingelassene Schienenstränge, Hufeisen, Werkzeuge und Mosaiken erzählen aus der Zeit, als noch die Pferde-Tram durch die Straße fuhr. 1896 fuhr die „Große Berliner Pferdeeisenbahn“ auf der Strecke von der Lindenstraße zur Glogauer Straße durch die Reichenberger Straße. Die Pferdeeisenbahn besaß in der Manteuffelstraße ein Depot mit Remisen und Pferdeställen.

Die eingearbeiteten Werkzeuge im Straßenpflaster gehören zu einem Kunstprojekt, das nach der Wende von verschiedenen Künstlern ins Leben gerufen wurde. So entstanden Straßenbilder, wie die schwarz-weiße Tastatur eines Klaviers, um auf die ehemalige Klavierfabrik von Carl Bechstein hinzuweisen, oder die Friedenstaube des St. Marien-Krankenhauses. Das Mosaik „Brot, Käse, Butter, Milch“ erinnert an Bäcker, Metzger und Milchläden, die einst für den Lebensunterhalt der Bewohner in der Straße sorgten. Der Wandel, weg vom schmuddeligen Image, soll die Straße, aber auch den Kiez verändern. Neue Cafés, Restaurants und Biomärkte sollen dafür sorgen, dass vielleicht doch noch ein echter Boulevard zum Schlendern und Einkaufen entsteht. Die Touristen, die vermehrt in die Reichenberger kommen, hoffen dagegen, hier noch eine typische Berliner Straße zu erleben. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

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