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In Berlin ist die Eiszeit noch sichtbar

Toteislöcher sind Zeugen der Vergangenheit

Es ist kaum vorstellbar, doch vor über 20.000 Jahren war Berlin noch ein Eiskeller, von Gletschern 200 Meter hoch bedeckt. Der heutige Fernsehturm am Alexanderplatz würde bis zur Kugel (mit Restaurant und Aussichtsplattform) im dicken Eis- und Schneepanzer stecken.

Die Gletscher und Schneepanzer der Eiszeit haben bis heute sichtbare geologische Formationen hinterlassen. Markante Höhen und Senken, wie in der Murellenschlucht hinter der Waldbühne im Ortsteil Westend und Gewässer, wie der Weißensee im gleichnamigen Ortsteil sind „Überbleibsel“ aus der Eiszeit. Auch Spree und Havel fließen in ehemaligen Schmelzwasserrinnen.

Weiß man erst einmal, worauf man achten muss, kann man der Eiszeit im gesamten Stadtgebiet auf Schritt und Tritt begegnen. So z.B. mit der Handy-Tour: „Der Berliner Ochse aus Tempelhof“ bei www.lialo.com

Schau mal hier: https://www.lialo.com/tour/k049

Der Krumme Pfuhl auf dem Friedhof Eythstraße, der Hels Pfuhl am Alboinplatz und der Weiher in der Lindenhofsiedlung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg liegen in einer eiszeitlichen Rinne und sind jeweils nur knapp 200 Meter voneinander entfernt. Die Struktur des Geländes (ein Auf und Ab) führte wahrscheinlich dazu, dass sich die Bezeichnung „Tempelhofer Schweiz“ eingebürgert hat.

Vom Alboinplatz zieht sich die Seenkette weiter nach Nordosten über den Wilhelmsteich am Lehnepark, den Klarensee im Alten Park bis zum Francketeich im Franckepark östlich des Tempelhofer Damms. Im Südwesten folgt der Hambuttenpfuhl an der Grabertstraße in der ehemaligen Steglitzer Villenkolonie Südende.

Diese Teiche sind Toteisseen oder Toteislöcher, die beim Rückzug des Gletschers entstanden sind. Trennt sich vom Gletscher ein Eisblock ab, spricht man von einem Toteisblock. Strömt nun vom Gletscher weiteres Schmelzwasser ab, kann dieses Sand und Kies um den Eisblock anlagern. Dadurch wird das Eis unter dem Sedimentmaterial isoliert und schmilzt somit langsamer.

Nach dem vollständigen Abschmelzen des Eises entsteht ein Hohlraum, der nach einem Zusammensturz des Sedimentmaterials darüber als Toteisloch oder -kessel bezeichnet wird. Fließt nun Grundwasser in den Kessel, entsteht ein Toteissee. Toteisseen sind meist isoliert und haben keinen Zu- und -abfluss des Wassers.

Mannshohe Findlinge, die uns immer wieder mal begegnen, ist Gestein, das von den Eismassen aus dem Norden zu uns hergeschoben wurde. Nach dem es wieder wärmer wurde und das Eis sich zurückzog, blieben die Findlinge als Transportgut einfach liegen.

Wie kommt es zur Eiszeit? Experten erklären es mit einfachen Worten. Die Erde unterliegt zyklischen Schwankungen, die Erdachse verändert sich. Dadurch bekommen die Pole weniger Sonne, das Eis breitet sich aus. Das passiert nicht plötzlich, eher schleichend, im Verlauf von Tausenden von Jahren. Es wurde auch immer mal wieder etwas wärmer.

Auch der Berliner Raum veränderte sich. Aus Birken-Kiefern-Wäldern wurde Tundra, eine Kältesteppe mit Dauerfrostboden. Auf der Nordhalbkugel fiel die Temperatur, in Skandinavien wuchsen Gletscher 3000 Meter hoch. Sie banden so viel Wasser, dass der Meeresspiegel um 135 Meter absank. Durch ihr Eigengewicht kamen die Gletschermassen in Bewegung, wanderten nach Süden und schließlich zu uns. Langsam, aber sicher, mit einer Geschwindigkeit von 220 Metern pro Jahr.

In Berlin und Brandenburg verschwanden die letzten Bäume und Sträucher, mit ihnen auch die Tiere: Wollhaar-Mammut, Steppenbison und Rentier, alles Leben wurde vom Eis ausgerottet.

Doch dann kam vor zirka 12.000 Jahren die Wende. Es kam zu einer schnellen und dauerhaften Erwärmung. Der Berliner Gletscher taute, das Schmelzwasser floss Richtung Süden ab, bildete einen mächtigen Strom, der den Untergrund verformte und gestaltete.

So entstand das Urstromtal, in dem wir heute leben. Natürliche Erhebungen wie der Kreuzberg oder Tempelhofer Berg sind nichts anderes als die Uferkanten des bis zu zehn Kilometer breiten Schmelzwasserstroms.

Die Toteislöcher wurden inzwischen in die Liste der Naturdenkmale aufgenommen, um diese naturgeschichtlich wertvollen Beweise dauerhaft zu erhalten.

Wir werden die Eiszeit nicht noch einmal erleben, ganz im Gegenteil, wir befinden uns gerade auf der anderen Seite des Klimas, es wird ständig wärmer. Alles Leben wird eines Tages unter der Hitze leiden und im schlimmsten Fall aussterben. Bis wieder eine zyklische Schwankung auftritt und sich die Erdachse minimal verändert. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

Foto oben: Der Hels Pfuhl am Alboinplatz, Foto unten: Der Weiher in der Lindenhofsiedlung

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