Schauspieler wie Besucher lieben ihr Renaissance-Theater

Es gibt europaweit kein Theater mehr, dass eine komplett erhaltene Art-Déco-Ausstattung aus den 1920er Jahren aufweisen kann, außer dem Renaissance-Theater in Berlin-Charlottenburg, das inzwischen unter Denkmalschutz steht.

Ursprünglich war der äußerlich schlichte Bau an der Ecke Knesebeckstraße 100 /Hardenbergstraße nach seiner Fertigstellung im Jahr 1902 für Studenten gedacht, die hier ihre Freizeit verbringen sollten. Doch der Erfolg blieb aus und so wurde aus dem Haus im ersten Weltkrieg ein Lazarett, später ein Kino, verfiel aber immer mehr in den Dornröschenschlaf.

Es musste erst Theodor Tagger, Sohn eines Wiener Geschäftsmanns kommen, um das Haus zum Leben zu erwecken. Der junge Tagger, der in Berlin Philosophie und Philologie studiert hatte, träumte von einem eigenen Theater. Nach dem Studium war er so beeindruckt vom expressionistischen literarischen Umfeld in Berlin, dass er sich von nun an der Lyrik widmete. Im Jahr 1922 schließlich gründete Tagger das Renaissance-Theater, dessen Leitung er 1927 an Gustav Hartung abgab. Lucie Höflich, Gertrud Kanitz und Theodor Loos waren die ersten Schauspieler am neuen Theater später folgten Olga Tschechowa, Helene Weigel und Helmut Käutner.

Der große Erfolg stellte sich aber erst ein, nachdem Theaterarchitekt Oskar Kaufmann 1927 das Haus umgestaltet hatte und Tagger unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner Theaterstücke schrieb, die von Erfolg gekrönt waren. Das Eckgebäude am „Knie“, wie die Charlottenburger noch heute die Gegend um den Ernst-Reuter-Platz nennen, erhielt innen und außen eine völlig neue Gestalt. Magisch wirkende Leuchten, markante Rundbogenfenster aus blauem Glas und eine raffinierte Leuchtreklame, die den Namen weithin sichtbar machte, lockte die Besucher an. Im Inneren beeindruckt die expressionistische Formenvielfalt sowie die von César Klein geschaffenen Intarsien, die im Balkonbereich Szenen der Commedia dell’arte zeigen. Dazu kommen die ornamentalen Verzierungen aus verschiedensten Materialien an Wänden, Treppen, Türen, Spiegeln und Heizungsverkleidungen. In den Wandelgängen und im Theatersaal beherrschen warme, edle Holztöne und Farben das Bild und lassen den Besucher in eine andere Welt eintauchen.

Für Schauspieler von Rang und Namen wie Tilla Durieux, Curt Goetz, O. E. Hasse oder Hubert von Meyerinck war es eine Ehre, am Renaissance Theater zu spielen und sich dem Publikum zu zeigen. Mit dem Fall der Mauer kam auch für das Theater eine Wende. Um sich von der Theaterlandschaft abzuheben, wurde in neues Spielplankonzept erstellt und sich der internationalen Gegenwartsdramatik zugewendet. Zudem werden regelmäßig Lesungen und andere literarische Veranstaltungen im Bruckner-Foyer initiiert. Auch die Stars der Branche sind dem „Juwel der Theaterbaukunst“ in all den Jahren treu geblieben. Film- und Fernsehschauspieler schätzen die einzigartige Atmosphäre, die das Haus ausstrahlt, die Intimität der kleinen Bühne, die Nähe zu den Besuchern und die hervorragende Akustik. Mario Adorf, David Bennent, Otto Sander, Boris Aljinović, Ben Becker, Bernd Stegemann, Renate Krößner, Nicole Heesters, Dominique Horwitz, Désirée Nick, Andrea Sawatzki, Peter Simonischek, Peter Striebeck, Jürgen Tarrach, Suzanne von Borsody, Angelika Milster, Harald Juhnke oder Judy Winter – sie alle, wie auch die zahlreichen Abonnenten, sind dem Zauber des Renaissance-Theaters verfallen. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

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