Spaziergang durch das Scheunenviertel

Wir beginnen den Rundgang am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz im Bezirk Berlin-Mitte, um einen Blick auf die Volksbühne zu werfen. Die Bühne wurde 1891 eröffnet und ab 1947 als Volksbühne unter Hoheit des FDGB bespielt. Nach dem Mauerfall übernahm es Frank Castorf. Der ursprüngliche Zuschauerraum hatte drei Ränge mit 1968 Plätzen. In den sechziger Jahren wurde ihre Zahl auf die heutigen 800 verringert.

Wir folgen der Linienstraße in westlicher Richtung bis zur Alten Schönhauser Str., um dort links einzubiegen. Nach ca. 150 Meter biegen wir rechts in die Mullackstraße ein. Die „Mulackritze“, auch kurz Ritze genannt, war in den 1920er Jahren eine berühmt-berüchtigte Gaststätte in der Mulackstraße 15. Zu den Stammgästen zählten neben „Pinselheinrich“ Zille unter anderem die Schauspieler Gustaf Gründgens, Marlene Dietrich und Claire Waldoff. Neben Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben Berlins verkehrten hier aber auch Personen aus der Berliner Unterwelt, wie der Gangster Adolf Leib, Chef des Ganovenvereins Immertreu.

1951 wurde die Mulackritze geschlossen und 1963 abgerissen. Charlotte von Mahlsdorf rettete die Inneneinrichtung vollständig, transportierte die Möbel mit einem Handwagen von Mitte nach Mahlsdorf und baute sie im Souterrain des Gründerzeitmuseums wieder auf. Die im Gründerzeitmuseum befindliche, vollständig erhaltene Inneneinrichtung der Mulackritze stellt heute die einzige noch erhaltene Zille-Kneipe Berlins dar und ist für den Besucherverkehr zugänglich.

Wir folgen der Mulackstraße weiter bis zur Kleinen Rosenthaler Str. in die wir rechts einbiegen und stehen auch gleich vor dem Eingang zum Garnisonfriedhof. Hinter der Mauer befinden sich Gräber mit gusseisernen Kreuzen und Skulpturen. Der Alte Garnisonfriedhof ist ein denkmalgeschützter ehemaliger Friedhof im Berliner Stadtteil Mitte, mit Gräbern vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert. Auf ihm ruhen bekannte Persönlichkeiten, wie Ludwig Matthias Nathanael Gottlieb von Brauchitsch (1757–1827), Gouverneur von Berlin, General von Lützow und Dichter Friedrich Freiherr de la Motte Fouqué.

An der Ecke Linienstraße stoßen wir auf ein Haus, dessen Fassade an uralte DDR-Zeiten erinnert. Es ist eines der letzten alternativen Wohnprojekte in Berlin. Wir bleiben auf der Linienstraße und folgen ihr in westlicher Richtung bis zum Koppenplatz (nach Stadthauptmann Christian Koppe benannt). Koppe kaufte das Stück Land, um auf diesem Platz einen Armenfriedhof zu errichten. Heute ist dieser Platz mit Rosenbüschen und Ruhebänken ein beschaulicher Ort.

An der Stirnseite macht eine besondere Skulptur auf sich aufmerksam. Im „verlassenen Raum“ hat Bildhauer Karl Biedermann seine Möbel (ein Tisch und zwei Stühle) in Bronze „gegossen“. 1996 wurde die Bronze-Skulptur mit einem ernsten Hintergrund errichtet. Das Denkmal soll die Deportation der zahlreichen Juden aus dem Scheunenviertel während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland dokumentieren.

Weiter auf der Linienstraße lohnt sich immer mal wieder ein Blick in die Hinterhöfe, die liebevoll saniert und restauriert wurden und nicht selten ein Ort der Ruhe und Besinnlichkeit geworden sind. Vorbei an kleinen Geschäften und Lokalitäten biegen wir rechts in die Tucholskystraße ein, um über die Torstraße zurück zur U-Bahn Rosenthaler Platz zu gelangen. Doch zuvor sollte man an der Ecke Ackerstraße Nase und Sinne öffnen, damit der Duft von frisch gerösteten Kaffee eindringen kann. Den abwechslungsreichen Spaziergang durch das Scheunenviertel beenden wir mit einem frisch gerösteten Kaffee in der „Röststätte“. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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