Typisch Berliner Milieu auf der „Rue de Paris“ 

Ein wenig nobel, ein wenig bürgerlich, aber nie spießig geht es auf der Pariser Straße zwischen Bundesallee und Olivaer Platz im Berliner Bezirk Wilmersdorf zu. Bei einem Spaziergang im Herbst, wenn die Blätter von den hohen Bäume gefallen sind, hat man erst richtig die Sicht auf die zum Teil wunderschön sanierten Altbauten mit den Stuckfassaden und historischen Balkonen.

Es ist nicht das Pariser Flair, das die Straße so interessant macht, die Häuser aus der Gründerzeit passen ins typische Berliner Milieu mit den unterschiedlichsten Lebensweisen. Da ist der kleine Designer-Schmuck-Laden und gleich nebenan tummeln sich zahlreiche junge Menschen in einem japanischen Restaurant. Am Kiosk eine Ecke weiter gibt es Bier in Flaschen, gegenüber beim noblen Italiener, teuren Wein in Gläsern. Auf der Hälfte der zirka einen Kilometer langen „Rue de Paris“ steht man auf dem Ludwigkirchplatz, mit der St. Ludwigkirche. Die katholische Kirche wurde 1891 als Ludwig-Windhorst-Gedächtniskirche geweiht. Sie ist eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika im Stil der norddeutschen Backsteingotik, die, wie die meisten Berliner Kirchen, nicht ständig zugänglich ist. Ein spontaner Besuch des Gotteshauses ist leider nicht möglich. Der Name der Kirche bezieht sich auch auf Ludwig IX, den Heiligen, König von Frankreich zwischen 1214 bis 1270, dem vor der Kirche in der kleinen Grünanlage mit Springbrunnen ein Denkmal gesetzt wurde.

Neben der Kirche fällt ein weiteres zentrales Bauwerk auf, das einst das ehemalige Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen beherbergte. Davor war das Kaiserliche Aufsichtsamt für Privatversicherer hinter den dicken Mauern zu Hause. Heute hat hier die Stiftung Wissenschaft und Politik ihren Sitz. Rund um den Platz gibt es noch die großbürgerlichen Wohnungen. Darum ist der Ludwigkirchplatz eine begehrte Wohnadresse in Berlin. So wohnten hier der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt, Ex-Staatskulturminister Michael Naumann oder Mediengrößen wie Sabine Christiansen.

Bei dem Spaziergang fallen immer wieder die „Stolperstraße“ auf dem Gehweg auf. Die im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert und ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Eine Edelstahltafel steht vor dem Haus Nummer 14a an der Ecke Uhlandstraße. Die Tafel wurde am 18.3.2004 zum 100. Geburtstag von Annedore Leber enthüllt. Die Politikerin und Publizistin lebte hier von 1904 bis 1968. Sie unterstützte ihren Mann Julius Leber in seiner Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus, war nach 1945 an der Neugründung der Berliner SPD beteiligt, hat 1946 den “Telegraf” mit begründet und war bis 1967 Bezirksverordnete und Mitglied des Berliner Landesparlaments.

Am schmucklosen Olivaer Platz endet die Tour durch dem Wilmersdorfer Kiez. Neben Geschäftshäusern mit Apotheken, Telefonläden, Backshops und Sushi-Restaurants fällt ein Geschäft mit breiter Fensterfront besonders auf. Im Haus Olivaer Platz 2 lohnt ein Blick in die Verkaufstheke. Große bunte Törtchen und kleine runde Pralinen lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. In der Patisserie „Aux Merveilleux“ werden alle Leckereien im „Schaufenster“ zubereitet. Text und Fotos: Klaus Tokmitt

 

 

 

 

 

 

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